Kein Satz über Moers

Roger Willemsen in seinem Buch Deutschlandreise:

Ich sitze in einer Gaststätte in Moers und suche nach Sätzen über Moers. Das dauert. Immer wenn ich den Kopf hebe, sehe ich in die Augen von Wladimir Putin oder Bahnchef Mehdorn, dann Medikamente, Zwieback, Autoreifen. Ich streiche.
Wenn ich den Kopf nicht mehr hebe, bis ich den Satz habe, dann kriege ich Moers zu Papier, bevor ich hier rausgehe. Die Kellnerhose berührt fast die Tischkante. „Nein, danke.“ Die Kellnerhose zieht sich zurück.
Eine elektronische Frau spricht, ihre Stimme hat eine Dauerwelle, ihre Modulation ist mondän, Pausen macht sie zur Unzeit. „Ficken, ficken!“, kreischt es aus einer Ecke im Lokal. Ich hebe den Kopf. Das Gesicht der Moderatorin sieht bedrückt aus. Jetzt kommen Reporter ins Bild, ihr Beistand. Aber gleich ist sie wieder allein. Ihre Frisur ist unerschütterlich.
„Ficken, ficken“, kreischt es aus dem Lokal mit Papageienstimme. Da muß einer verrückt sein. Jemand lacht, jemand anderes sagt etwas Begütigendes. Sie nickt. Abgrissene Häuser kommen ins Bild, eine Textzeile. „Ficken, ficken!“ Die Stimme erstirbt, nicht freiwillig. Die Elektronische bleibt sachlich, schüttelt den Kopf. Der Kellner schüttelt den seinen noch Minuten später.
Kein Satz über Moers.

Trotzdem – oder gerade deshalb? – ein sehr lesenswertes Buch.

Die Geheimloge

Warum das Buch Die Geheimloge von Scott McBain so heisst, wird wohl ein Geheimnis des Übersetzers bleiben. Im ganzen Buch taucht dieser Begriff nämlich nicht mehr auf. Vielmehr wird von dem Kollegium gesprochen, eine sehr mächtige Institution, die weltweite anerkannt und geachtet wird. An der Spitze dieser Institution steht der Meister, der aufgrund der beinahe unbegrenzten Information über jeden Ort und jede Regierung der Welt, Ansprechpartner für höchste Regierunskreise in allen Staaten ist. Gerade wenn es um auswegslose Situationen geht, findet der Meister eine Lösung die allen zugute kommt.

Das Kollegium missbraucht seine Macht nicht und trotzdem beginnt ein extremer Wettkampf um das Amt des Meisters, als dieser seine baldige Ablösung bekannt gibt. Innerhalb eines Jahres sollen die Teilnehmer an dem Wettbewerb 50 Millionen US-Dollar auf das Konto des Kollegiums überweisen.

Der Autor lässt den Leser an den Gewissensbissen der Wettkämpfer teilhaben und spickt diese mit philosophischen Einwürfen aus unterschiedlichen Kulturkreisen. Trotzdem wirkt die Geschichte dadurch nicht aufgesetzt, oder unglaubwürdig. Einige Wendungen in der Erzählung sind zwar vorhersehbar, aber das macht fast nichts aus, da die Spannung trotzdem gehalten wird.

Die Geheimloge ist zwar keine literarische Meisterleistung, aber wer gute Geschichten mag und kurzweilige Unterhaltung sucht, ist hiermit gut beraten.