Weltschmerz

Heute morgen habe ich Dominik noch gesagt, dass ich nicht wüsste, wie ich dieses permanente Schreien angesichts der allgemeinen (Welt-)Lage in einen Blogbeitrag packen könnte. Hier folgt ein Versuch, der Titel ist schon mal passend und wie wir wissen ist das Benennen von Dingen ja die halbe Miete.

Ich war gerade dabei den Blogbeitrag die welt ist scheisse – und das ist auch gut so von Felix zu lesen und während ich mit den Details jetzt nicht ganz so viel anfangen konnte, blieb ich doch an dem „Früher war alles Besser“-Genörgel hängen. Also nicht Felix hat das genörgelt, aber die Haltung ist ja nicht unbekannt und tatsächlich ist ja vieles auch besser, oder überhaupt neu dazu gekommen.

Aber: was mir dabei bewusst wurde, bin ich so unglaublich enttäuscht und gleichzeitig neidisch. Neidisch auf die Zukunft, in der endlich alles besser wird, die ich dann aber wohl nicht mehr erleben werde – wobei ich absolut nicht neidisch bin auf alle die Probleme, die wir unseren Nachfahren hinterlassen. Sorry, Nichte.

Die Enttäuschung ist aber real. Ich habe früher wahrscheinlich zu viel Civilization gespielt und verinnerlicht, dass man für Fortschritt einfach nur immer fleißig forschen muss und dann wird irgendwann alles leichter und man kriegt coole Sachen. Statt dessen haben wir Milliardäre, Impfgegner und Maskenverweigerer, Gas-Kathi und Diesel-Dieter. Es ist wirklich zum Schreien.

Ich bin so happy, dass wir die Kernenergie hinter uns gelassen haben. Wobei ich mal gespannt bin, welche Richtung da weltweit eingeschlagen wird. Die Schweden z.B. halten den Deutschen immer noch vor, aus der Kernenergie ausgestiegen zu sein, weil das deren Strom teurer macht. Die Logik verstehe ich nicht ganz, wenn Kernenergie doch so viel besser wäre, wäre sie doch auch günstiger? Außerdem habe ich sowas meist bei Reddit gelesen, und ich habe so den leisen Verdacht, dass da in erster Linie der rechte Rand unterwegs ist.

Aber egal. Ich bin wirklich glücklich darüber und habe das als Meilenstein auf die Merktafel meiner Generation vermerkt. Sonst steht da aber leider nichts. Wahrscheinlich, weil ich nicht alles Gute wahrnehmen, aber was ist das da draußen für eine Shitshow. Schon seit einer ganzen Zeit und das wird ja in den nächsten zehn Jahren wahrscheinlich auch nicht besser. Woher soll denn jetzt plötzlich der Wandel kommen? Ich bin inzwischen so weit, dass es mir egal ist, welche Partei den Bundeskanzler stellt, Hauptsache es macht mal jemand was. Es kann doch nicht sein, dass ich neidisch auf China schaue, wie die die Energiewende rocken. Zum Glück kann man seinen Blick aber auch einfach in Richtung Spanien wenden (Skandinavien sowieso), um ein bisschen Hoffnung für Europa zu hegen.

Ein paar weniger idiotische Aussagen aus Brüssel wären mir aber insgesamt schon sehr lieb.

Vielleicht hat das TL;DR von Felix aber ja auch nicht Unrecht: Wenn die Welt nicht Scheiße wäre, gäbe es keinen Grund sie sich besser zu machen/vorzustellen. In diesem Sinne wälze ich mich so lange einfach in meinem Weltschmerz und vermeide es einfach nicht mehr, diesen in die Welt hinaus zu schreien.

Ein Kommentar zu „Weltschmerz

  1. In solchen Momenten denke ich oft an Jan Faktors Satz: „Jede neue Generation gibt der Welt das Gefühl der Normalität zurück.“, was einschliesst, dass der nicht mehr so neuen Generation das Gefühl der Normalität mit der Zeit abhanden kommt. Als wir jung und jünger waren war auch wirklich viel beschissen, aber wir haben das entweder nicht so wahrgenommen, weil es für uns, die wir da reingewachsen sind eben normal war, oder wir sind dagegen aufgestanden, wie gegen Atomkraft eben. Ich bin ziemlich sicher, dass eine ganze Reihe von Dingen besser geworden sind. Wie wir Geschlechter betrachten und mit Menschen umgehen, die sich nicht binär einsortieren wollen z.B. und für wirklich viele Menschen auf dem Planeten haben sich die Lebensbedingungen auch in den letzten 50 Jahren nochmal ganz, ganz deutlich verbessert. Lebenserwartung, Medizinische Versorgung, Bedrohung durch Krieg, Wohlstand … da haben viele Länder im globalen Süden nachgezogen. Überhaupt die Wahrnehmung und der Respekt den wir Kulturen entgegenbringen, die weiter entfernt sind. Die documenta fifteen – auch wenn sie schon vier Jahre her ist und ihre eigenen Probleme hatte – war ein grossartiger Moment in der Hinsicht. Eine solche documenta hätte es im 20ten Jahrhundert nicht gegeben.

    Und: Wir haben das Internet mit aufgebaut. So viel darin inzwischen auch schief läuft und Dinge auch zum Schlechteren hin beschleunigt … es hilft doch auch immer noch Milliarden von Menschen jeden Tag, bei Problemen und Herausforderungen, und dem einfachen Meistern ihres Alltages. Das ist ein bisken wie die Weisse Ware (Waschmaschinen, Spülmaschinen, Kühlschränke und so): Man unterschätzt die gesellschaftlichen Auswirkungen, die diese Techniken haben, sobald sie selbstverständlich sind.

    So oder so: Geil, dass hier noch TwentyEleven läuft, hihi.

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