Fussball – Wo bleibt die Theorie?

Seit ein paar Wochen hat sich meine Wahrnehmung von Fußball geändert. Habe ich vorher nur bei den Welt- und Europameisterschaften zugeschaut und hier und da mal ein Spiel im DFB- oder Europapokal, sowie der Champions-League verfolgt, schaue ich Dank SKY-Abo nun wesentlich mehr Spiele und die Vor- sowie Nachberichterstattung.

Und seitdem beschleicht mich das Gefühl, dass ich hier eine riesige Wissenslücke habe: ich habe keine Ahnung davon wie Fussball funktioniert. Schon seit Jahren würde ich gerne wissen, was ein Trainer in der Halbzeit zu seiner Mannschaft sagt. Hier habe ich nur Szenen aus amerikanischen Filmen und TV-Serien vor Augen. Ich bin immer irritiert, wenn sich die Auswechselspieler in der Halbzeitpause auf dem Platz warmmachen. Wie sollen die denn jetzt mitbekommen, was der Trainer in der zweiten Halbzeit erwartet?

Nach dem Spiel der Bayern gegen Juventus Turin in der Championsleague hatte ich irgendwo gelesen, wie toll Jupp Heynckes die Mannschaft eingestellt hätte. Wie gut sie die Räume verschoben haben, etc.. Ganz viel Fußballfachchinesisch, welches ich seit Jahren höre, mich aber nie damit beschäftigt habe. Das versuche ich jetzt nachzuholen.

Und ich bin erstaunt. Denn wie hat der Trainer seine Spieler nun eingestellt? Also so ganz praktisch gesehen? Wie sehen die Trainingseinheiten aus? Von Boxern weiß ich, dass sie sich ähnliche Boxtypen als Sparingpartner holen um die Gegner zu simulieren. Und im Fußball? Wird dort den Nichtstammspielern beigebracht wie sie zu spielen haben, damit sie möglichst gut dem Gegner entsprechen? Das kann ich mir ja kaum vorstellen. Vielmehr muss es hier ganz konkrete Spielzüge geben, die simuliert werden können um dann das Abwehrverhalten dagegen trainieren zu können.

So ganz grob stelle ich mir das wie die Spielzüge beim American Football vor, aber gleichzeitig viel abstakter. Wie soll das gehen? Nach langer Suche bin ich dann irgendwann auf diesen Blogeintrag gestossen: Geheimnisse der Raute – Teil 1: Die sechs Dreiecke. Hier taucht mit dem Begriff der „Raute“ auch ein Begriff auf, der mir so wenig sagt und der doch so oft benutzt wird. Nach dem Lesen des Eintrags würde ich gerne noch viel mehr dazu wissen, finde aber nichts. Die paar Bücher bei Amazon zu den Stichwörtern „Fußball Theorie“ scheinen alle eher populistisch zu sein. @helmi konnte mir dann gestern bei Twitter noch ein sehr gutes deutsches Blog nennen: Spielverlagerung. Ich werde mich in nächster Zeit intensiver mit deren Sammlung zur Taktiktheorie auseinandersetzen.

Woher haben dann die ganzen Kommentatoren und Fussballblogger ihr Wissen? Oder tut die Mehrzahl nur so, als wenn sie wüssten, wovon sie reden? Wenn das Wissen doch so breit vorhanden wäre, warum gibt es dann so wenig Material dazu? Warum zeigt ein Erik Meijer bei Sky gehaltlose Taktikanalysen statt mit Dreiecken und Rauten nur so um sich zu werfen? Und noch etwas gibt mir zu denken: wenn es diese Theorien tatsächlich gibt, wie kann ein Trainer seinen Spielern vermitteln, was sie zu tun haben? Das Thema scheint doch hochkompliziert zu sein. Ist das das Geheimnis eines guten Trainers? Also mit einfachen Kommandos einer Mannschaft eine Theorie zu vermitteln, die sie in den Einzelheiten gar nicht verstehen kann? Ich stelle mir das so vor: „Du bleibst auf einer Linie mit Kalle und Heinz, solange Du 10 Meter vor der Strafraumgrenze bist. Selbst wenn die Stürmer des Gegners dann den Ball haben. Du greifst nur an, wenn der Gegner in diese 10 Meter-Zone eindringt. Und dann auch nur, wenn Du der bist, der dem Gegner am nächsten ist.“

Oder wird Fußballprofis doch von Dreiecken und Rauten erzählt? Wissen sie, was genau mit den „Nahtstellen zwischen der Abwehr“ gemeint ist, so dass sie ihre Pässe dorthin spielen können? Und wie wird so etwas in der Jugend trainiert – vor allem länderübergreifend? Den Spielern muss ja weniger ein bestimmtes System beigebracht werden, sondern vielmehr das Handwerkzeug um mit den taktischen Anweisungen eines Trainers etwas anfangen zu können. Also analog zum Playbook beim American Football: der Spieler muss lernen ein Playbook lesen zu können und danach zu handeln.

Gibt es so etwas wirklich im Fußball? Und warum wird das nirgends thematisiert? In den Medien wird ja in erster Linie mit Statistiken „gearbeitet“. Als wenn uns das Leben nicht tagtäglich zeigen würde, dass die Beobachtung der Vergangenheit überhaupt keine Aussage für die Zukunft zulässt. Es sei denn, man leitet aus den Beobachtung der Vergangenheit Regeln ab, womit wir wieder beim Thema „Theorie“ sind.

Wie geht es den langjährigen Fußballbeobachtern da Draußen: Könnt ihr mit dem Fachchinesisch tatsächlich etwas anfangen? Erkennt ihr taktische Ändrungen im Spiel? Wenn ja, woher habt ihr euer Wissen? Und wie erklärt ihr euch, dass es kaum Material dazu gibt? Fußball ist doch der Massensport in Deutschland und auch weltweit eine riesige Veranstaltung.

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7 Antworten zu Fussball – Wo bleibt die Theorie?

  1. ysamjo sagt:

    Genau die richtigen Fragen.

    Ich denke auch, dass der Fußball eine taktische Komponente hat, die weit unterschätzt wird. Spielverlagerung.de zeigt das seit geraumer Zeit hervorragend.
    Auf der anderen Seite sehe ich dann Spieler-Interviews, die – bei allem Respekt – daran zweifeln lassen, dass eine derart komplexe taktische Marschrichtung in der Hitze des Gefechts überhaupt intellektuell befolgt werden kann. Da hört man dann eher die Schlagworte „Moral“ und „Kampfgeist“…wirklich schwierig einzuschätzen.

  2. Scott Hanson sagt:

    Die gleiche Fragen habe ich auch. :-) Baseball, mein Lieblingssport, das verstehe ich, da sind die Taktiken klar. Aber in Fußball kann ich live die Taktik schwer erkennen… höchstens nach hinein bei Spielverlagerung oder Zonal Marking lesen. Aber ich bin noch lernfähig. :-)

    • Dirk Olbertz sagt:

      Also entweder ist Fußball zu komplex für nachvollziehbare Theorien, oder aber es gibt gar keine – im Sinne von Theorien, die auch von den Spielern verstanden und angewendet werden.

      Ich weiß nicht, was besser ist :)

  3. ml sagt:

    Hm. Mensch sollte das trennen. Die „Experten“ gucken ja auch nur zu, da kommt das meiste der Erfahrung aus dem regelmäßigen Sehen von Fußballspielen. Wenn Sie selber mal Fußballer waren (die Verwertungsmaschine neigt ja dazu), können diese das noch besser sehen. Trainer und Ex-Spieler sehen und lesen das Spiel auch anders.

    Seitens der Spieler: Klar gibt es Taktik, das bekommen die Spieler auch mit. Es werden Spielzüge eingeübt, nicht nur Freistöße und Standards. Es gibt Playbooks (der Trainer von Mainz 05, Thomas Tuchel, entwirt bspw. einen Matchplan, http://spielverlagerung.de/matchplan/). Wichtig sind auch Trainingsspiele auf dem Kleinfeld (5:5, bspw.).

    Wichtig ist im Moment: ordentliches Verschieben (die Spieler stehen in 4er – Ketten parallel in Ketten zueinander) auf dem Platz und verschieben mit dem Ball (wie beim Tischfußball, hihi), Arbeiten gegen den Ball (in Abwehrsituationen sind alle (!) Spieler hinter der Ball zu finden, in Torrichtung gesehen) und Gegenpressing (ballführende Spieler werden früh gestört).

    Wenn man lang genug zuguckt, sieht man das auch auf’m Platz. Spielverlagerung & Zonal Marking kann ich auch nur empfehlen, ebenso das Sportstudio (Samstag abend), da wird mindestens ein Spiel taktisch erklärt.

    Und, ganz wichtig: im Stadion sieht das alles ganz anders aus! Geh mal, das macht Spaß.

    • Dirk Olbertz sagt:

      Ich hatte auch schon vermutet, dass die Theorie im Training irgendwie vermittelt wird, wundere mich aber, dass das (zumindest für mich wahrnehmbar) nicht nach Außen vermittelt wird. Fußball ist so ein großer Markt, dass ich damit gerechnet hätte, dass auch so etwas irgendwo publiziert wird.

      Und ja, ich glaube auch, dass die Darstellung im Fernsehen ein wenig dabei behindert solche taktischen Massnahmen zu erkennen, da man ja meistens nur einen Teil des Spielfeldes sehen kann. Aber auch da wundere ich mich, dass es so wenige Analysen im Fußball gibt, die theoretisch unterbaut sind. Mal schauen, ob ich in der Mediathek eine Analyse aus dem Sportstudio erwische. Ich könnte es nicht durchhalten, eine ganze Sendung zu gucken :)

  4. Helmut sagt:

    Vielleicht hängt es einfach mit der Art und Weise zusammen wie Fussball gefilmt und gesendet wird, das man hinterher aus diesem Material keine ordentlich Analyse aufbereiten kann.

    Das Feld ist riesig und es sind 22 Leute gleichzeitig unterwegs. Ausserdem dürfen ja nicht so viel Leute wie in anderen Sportarten gewechselt werden. D.h. es ist im Spiel weniger dynamisch.

  5. Mark sagt:

    Wo ich gerade über http://spielverlagerung.de/taktiktheorie/ gestolpert bin, fiel mir doch das Posting hier wieder ein… Um die Frage als regelmäßiger Stadionbesucher mal zu unterstreichen: Ja, woher stammt das Taktikwissen? Im Stadion halten auch immer mehr Taktikfüchse und Analysten Einzug, die statt des guten alten „Mann-mann-mann“-Geraunes immer öfter ihre Analysen zum Besten geben, obwohl mancher vielleicht einfach nur ein ansehnliches Spiel zum Bier serviert bekommen mag…

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