{"id":287,"date":"2004-01-16T11:45:31","date_gmt":"2004-01-16T09:45:31","guid":{"rendered":"http:\/\/olbertz\/2004\/01\/16\/spiegel-eine-farce-der-ehre\/"},"modified":"2004-01-16T11:45:31","modified_gmt":"2004-01-16T09:45:31","slug":"spiegel-eine-farce-der-ehre","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/olbertz.de\/blog\/2004\/01\/16\/spiegel-eine-farce-der-ehre\/","title":{"rendered":"Spiegel &#8211; Eine Farce der Ehre"},"content":{"rendered":"<p>Unter dem Titel <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/kultur\/kino\/0,1518,281143,00.html\">Eine Farce der Ehre<\/a> versucht sich der Spiegel mal wieder an einer Filmkritik. Dabei h&#228;ngt mir noch ein Satz von T.C. Boyle nach, der in einem Interview sagte, dass er Kritiker f&#252;r entt&#228;uschte K&#252;nstler h&#228;lt. Wenn Kritiker nicht zu schlecht w&#228;ren um Filme zu machen oder B&#252;cher zu schreiben, m&#252;ssten sie andere nicht zerrei&#223;en. Das entbehrt nicht einer gewissen Logik, er f&#252;gte au&#223;erdem hinzu, dass jeder, der eine Meinung hat, eine Kritik schreiben k&#246;nne.<br \/>\nUnd da es zu jeder Meinung mindestens eine andere gibt, will ich mich an dieser Stelle mal mit der Meinung von Oliver H&#252;ttman zu <a href=\"http:\/\/www.lastsamurai.de\/\">Last Samurai<\/a> befassen:<\/p>\n<p><i><br \/>\n[Zwick] schildert eine Phase des Umbruchs, als westlicher Fortschritt auf die alten japanischen Werte prallte. Dieser Aufprall ist hier w&#246;rtlich zu nehmen: Samurai treten gegen Soldaten an, Klingen treffen auf Karabiner. Denn Zwick ist nicht daran gelegen, das F&#252;r und Wider eines kulturellen Austausches oder gesellschaftlicher Entwicklungen aufzuzeigen. Es geht ihm allein um den K&#228;mpfer. Um Kampftechniken.<br \/>\n<\/i><br \/>\nDa frage ich mich jetzt doch tats&#228;chlich, ob der gute Mann erwartet, dass ihm alles haarklein erz&#228;hlt wird. Alleine durch die Darstellung im Film wird klar, dass dies eine Zeit des Umbruchs in Japan war. Das F&#252;r und Wider dieser Geschehnisse muss mir dann nicht noch aufgezeigt werden. Au&#223;erdem wird diese Zerrissenheit durch den Kaiser sehr gut dargestellt und keinesfalls ignoriert. Wer <i>Last Samurai<\/i> nur als Film &#252;ber K&#228;mpfer empfunden hat, kann nicht unbefangen in den Film gegangen sein.<\/p>\n<p><i><br \/>\nDeren Anf&#252;hrer Katsumoto (Ken Watanabe) glaubt die genuinen japanischen Traditionen bedroht und will die angestammten Umgangsformen bewahren. Tats&#228;chlich ist es nat&#252;rlich ein politischer Machtkampf.<br \/>\nZwick &#8211; und damit auch Algren &#8211; aber scheren sich darum wenig. Sie sehen die Samurai als Lichtgestalten, das Reine, eine edle Kriegerkaste, um die sich Legenden der Tapferkeit und Loyalit&#228;t ranken.<br \/>\n<\/i><br \/>\nDazu sei gesagt, dass sich der Kaiser zum Schlu&#223; auf die Traditionen besinnt und somit Oliver H&#252;ttmann blass aussehen l&#228;&#223;t. Es geht doch nicht nur um die politische Vorherrschaft, sondern um die Bewahrung der kulturellen Identifizierung.<\/p>\n<p><i><br \/>\nIm ersten Gefecht von Algrens japanischen Truppen tauchen die berittenen Schwertk&#228;mpfer aus dichtem Nebel auf wie verwunschene Gestalten.<br \/>\n<\/i><br \/>\nMeiner Meinung nach wurde dadurch eindrucksvoll die Ehrfurcht der neu ausgebildeten japanischen Soldaten vor den Samurai dargestellt, ganz im Gegensatz zum sp&#228;teren Kampf auf dem Schlachtfeld.<\/p>\n<p><i><br \/>\nDie Frauen sind still und unterw&#252;rfig, die M&#228;nner &#252;ben sich im Kampf, selbst die Jungen dreschen mit St&#246;cken auf sich ein. Abends sitzen alle auf einem mit Fackeln erhellten Platz und verfolgen ein Theaterst&#252;ck.<br \/>\n<\/i><br \/>\nDas Theaterst&#252;ck wird an <i>einem<\/i> Abend gezeigt. Wer daraus auf einen immerw&#228;hrenden Tagesablauf schlie&#223;t, muss ein einfaches Weltbild haben.<\/p>\n<p><i><br \/>\nUnd am Ende galoppieren die Samurai mit erhobenen Schwertern dem Kugelhagel aus Maschinengewehren entgegen. Das ist dumm, wird aber als ehrenvolle Verzweiflungstat gefeiert. Lieber sterben, als sich unterjochen lassen, so funktionieren alle Heldenlieder auf der ganzen Welt.<br \/>\n<\/i><br \/>\nUnd aus demselben Grund m&#252;ssen sie noch lange nicht schlecht sein. Und es zeigt doch nur das unvermeidliche: dass sich die neuen Errungenschaften aus dem Westen durchsetzen werden, trotz aller Traditionen. Das Kunstst&#252;ck, diese dann trotzdem zu bewahren ist den Japanern gelungen und wird auch in dem Film gut umgesetzt &#8211; man muss es nur sehen wollen. Wer von einem Spielfilm dokumentarische Erkl&#228;rung erwartet, sitzt sprichw&#246;rtlich im falschen Film. Und wer nicht &#252;ber den Rand einer Filmdose hinweg sieht, kann nat&#252;rlich nur Bilder bewerten, aber keinen Film.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unter dem Titel Eine Farce der Ehre versucht sich der Spiegel mal wieder an einer Filmkritik. Dabei h&#228;ngt mir noch ein Satz von T.C. Boyle nach, der in einem Interview sagte, dass er Kritiker f&#252;r entt&#228;uschte K&#252;nstler h&#228;lt. 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