Mitmachen – Aber wobei genau?

Es geht um mitmachen.spd.de. Bereits am Wochenende bin ich durch irgendeinen Link dorthin gekommen und war relativ schnell wieder weg. Heute morgen bin ich nach einem Blogbeitrag von Mathias Richel noch einmal darauf aufmerksam geworden und möchte jetzt gerne begründen, warum ich die Seite so schnell wieder verlassen habe.

Schon am Wochenende fand ich die Idee mit den drei „Call to Action“-Buttons ganz gut. Je nachdem ob man eine oder fünf Minuten Zeit hat, oder sogar eine ganze Stunde soll man von der Plattform abgeholt werden. Soweit, so gut. Wie man am Begriff „Call to Action“ schon sieht, bin ich beim Besuch der Seite an eine Landingpage erinnert.

Landingpages werden genutzt um Interessenten mit einer einzigen Seite auf ein Produkt aufmerksam zu machen und sie zu einer Aktion zu verleiten. Also zum Beispiel zum Kaufen eines Produktes oder Anmelden eines Newsletters. Bei Landingpages ist jedes Wort wichtig und kleinste Änderungen können dazu führen, dass die sogenannte Conversion-Rate große Sprünge macht. Dazu werden in der Regel A/B-Tests vorgenommen um automatisiert bestimmen zu können welcher Text oder welche Grafik den besten Erfolg möglich machen.

Jetzt muss die Seite mitmachen.spd.de nicht unbedingt mit den Masstäben aufgesetzt worden sein, aber ich zähle auf der Startseite gerade sechs Links die zu einer Interaktion mit der Seite aufrufen: „Abschicken“, „Mehr erfahren“, „Abonniere des SPD.de Newsletters“ (ja, der Fehler ist auch auf der Seite vorhanden), „Jetzt für den Wechsel spenden“, „Komm zu Peer Steinbrücks Länderreise“ und „Erzähl Deine Geschichte zu 150 Jahre SPD!“. Inhalte selbst findet man auf der Startseite nicht. Also muss das Ziel sein, den Besucher zu einer Interaktion zu bewegen. Insofern ist mein Vergleich mit den Landingpages nicht so falsch, finde ich.

Ich versuche jetzt mal zu beschreiben, wie ich mit der Seite interagierte. Dabei ist es unerheblich, wie ich zur SPD, zu Politik im Allgemeinen oder Peer Steinbrück im speziellen stehe. Ich bin tatsächlich eher links orientiert, aber desillusioniert und dementsprechend eigentlich ein ganz guter Kandidat für eine Plattform, die mich für SPD-Politik begeistern möchte.

Bei meinem ersten Besuch der Seite sehe ich erst einmal ein Video, dass ich links liegen lasse, da ich grundsätzlich lieber lese als in einem Video langwierig nach Inhalten zu suchen. Den Text rechts neben dem Video lese ich nicht. Das Muster von inhaltslosen Marketingtexten neben Videos ist mir nur zu bekannt.
Die oben schon erwähnten Boxen mit „Ich habe 1 Minute Zeit“, „Ich habe 5 Minuten Zeit“ und „Ich habe eine Stunde Zeit“ finde ich da schon wesentlich besser. Unter „Ich habe 1 Minute Zeit“ finden sich allerdings nur die Links „Abonniere des SPD.de Newsletters“ und „Jetzt für den Wechsel spenden“. Mh. Beides nicht Interessant für mich. Unter „Ich habe 5 Minuten Zeit“ stehen die Links „Komm zu Peer Steinbrücks Länderreise“ und „Erzähl Deine Geschichte zu 150 Jahre SPD!“. Ich verstehe nicht, was das mit 5 Minuten zu tun hat und klicke ebenfalls nicht auf die Links. Bleibt also nur noch „Ich habe eine Stunde Zeit“. Unter der Überschrift „Mach mit. Vor Ort. Für mehr Gerechtigkeit.“ wird hier nach meiner E-Mail Adresse und meiner PLZ gefragt. Unten drunter gibt es noch den Satz „Ich finde MITMACHEN.SPD interessant, würde aber gerne noch mehr über die Arbeit auf der Plattform wissen.“ mit einem Link zu „mehr erfahren“. Es geht ein Overlay auf, in welchem es um Wahlkampf geht. OK, ich bin hier komplett an der falschen Stelle, glaube ich. Ich weiß ja gerade nicht einmal worum es hier geht und soll gleich in einen Wahlkampf eingesponnen werden?

Das waren meine letzten Eindrücke von der Seite. Bis heute morgen. Ich besuche die Seite also ein zweites Mal, weil Mathias in seinem Blog so viel von Internetwahlkampf und Obama steht. Ich lese jetzt auch mal den Text rechts neben dem Video – und beglückwünsche mich, dass mich mein angelerntes Lesen im Internet beim ersten Besuch vor diesem Text bewahrt hat. Es steht nix drin. Beispiele gefällig? „Wir kämpfen für einen Politikwechsel in unserem Land.“ – Was genau soll geändert werden? „Für eine Politik für die Menschen anstatt für Lobbygruppen.“ – Was heisst das konkret? Wo ist die Verlinkung dieser Sätze mit je einer Seite auf der erklärt wird, was es dami auf sich hat? Irgendjemand muss doch wissen was das bedeuten soll, oder nicht?

Verägert scrolle ich weiter runter und klicke mal auf „Abonniere des SPD.de Newsletters“ um zu sehen, was sich dahinter verbirgt. Ich bin gut zwei Jahrzehnte im Internet ohne Newsletter ausgekommen, seit ein paar Monaten beschäftige ich mich aber näher mit dem Thema, weil ich glaube, dass dies eine ganz interessante Publikationsform in der Ära nach Blogs und Sozialen Netzwerken sein könnte. Ich bin also extrem skeptisch, aber nicht unerfahren. Bevor ich auf den Link zum Abonnieren geklickt habe, hatte ich zumindest damit gerechnet, dass man sich den letzten Newsletter anschauen könnte umüberhaupt zu wissen, worauf man sich einlässt. Aber falsch gedacht. Nichts dergleichen ist zu finden. Ich bin auch überrascht, dass ich auf einer ganz normalen Newsletter-Anmeldeseite gelandet bin. Ich hatte mit einem Newsletter passend zu „Mitmachen“ gerechnet. Auf dem zweiten Blick erklärt die Beschriftung des Links zum Newsletter aber, dass hier wirklich nur zum SPD.de-Newsletter verlinkt wird.

Und schon ist mein zweiter Besuch der Website beendet. Ich bin mir inzwischen sicher, dass das die falsche Seite für mich ist. Es geht hier wohl darum, überzeugte SPD-Anhänger zu organisieren. Ist man nur an den Inhalten der Politik interessiert, bietet die Plattform nichts an, was man auf der SPD.de-Seite nicht auch bekommen könnte. Letztendlich ist mitmachen.spd.de nur eine Linksammlung mit einem neuen Anstrich.

Auf der einen Seite bin ich enttäuscht, dass es für mich als Wähler keine Inhalte gibt und nicht einmal ein Text der mich abholt wenn ich versehentlich auf der Seite gelandet bin. Auf der anderen Seite bin ich erstaunt. Aus dem US-Wahlkampf kenne ich Leute die von Haustür zu Haustür ziehen und für „ihre“ Politik werben. In Deutschland habe ich das noch nie gesehen. Nicht dass ich das wollen würde – ich ärgere mich regelämßig zu den Wahlen über den Papiermüll im Briefkasten. Aber wer ist denn nun wirkich die Zielgruppe der neuen SPD-Website?

Sollte es wirklich das Ziel sein, SPD-Fans zu überzeugen ihr Umfeld mit SPD-Politik zu begeistern? Dann hätte ich gerne das Material zum Selbstlesen, mit dem dies gelingen soll. Ehrlich. Ich möchte endlich mal ganz konkret wissen, welche Aktionen hinter den SPD-Aussagen stecken würden. Das gilt auch für alle anderen Parteiprogramme. Ich möchte verstehen, was die Partei XYZ anders machen würde. Was soll geändert werden? Was ist das Ziel für die nächsten 4, 8, 12 Jahre? Wenn mir ein Politiker diese Fragen nicht beantworten kann, kann ich für mich auch nicht beantworten, wen ich wählen soll. Und dann wähle ich das kleinste Übel. Und das sind nicht die beiden Parteien, die den Bundeskanzler oder die Bundeskanzlerin stellen könnten. Denn dafür kann ich mit meiner Wahlstimme nicht stehen, wenn ich nicht weiß, wofür die Parteien einstehen.

Nachtrag: Über Twitter hat mir Mathias ein paar Punkte erklärt. Die Website ist tatsächlich in erster Linie für SPDler gedacht, die sich darüber koordinieren können sollen.